Im März 2015 entstand zusammen mit einem Kommilitonen meines Studienganges das Portrait über einen Freund, der als Selbstversorger in einem kleinen Dorf bei Bobitz (Nordwestmecklenburg) lebt.
Dort teilt er Haus und Hof mit seiner Freundin, dem gemeinsamen Kind und seinen Schafen und Hühnern. Das Portrait plus Interview von ihm findet man in der aktuellen Ausgabe der NORTE. Dort sind auch einige der Fotos zu sehen.

Hier nun das Interview:

Wenn man mal wieder völlig gestresst die letzten Samstagseinkäufe erledigt hat, während auf der Straße alle möglichen Arten von Umweltschützern lauern, um einen für den neusten Verein zu werben oder zu erzählen, warum Massentierhaltung schlecht ist, dann macht man lieber einen Bogen um ihren grün leuchtenden Stand. Mit einem kurzen »Nein danke, hab leider keine Zeit.«, hat man sich ein weiteres Mal erfolgreich aus der Affäre gezogen.
Vielleicht war es sogar Alex, der dich letztens mit einem freundlichen Lächeln auffordern wollte, stehen zu bleiben, um mit dir über die Arbeit vom BUND zu sprechen. Obwohl von den meisten Passanten der Fußgängerzone geächtet, ist er ein ganz umgänglicher Typ.
Der ursprüngliche Berliner, dem man sein Alter nur schwer ansieht, ist vor nicht allzu langer Zeit aus seiner großstädtischen Wagenburg in ein Dorf in der Nähe von Wismar gezogen. Dort besitzt er ein kleines Stück Land auf dem er in aller Ruhe Gemüse anbaut und einige Schafe und Hühner hält.
Als Krankenpfleger ausgebildet, wurde ihm dieser Job mit der Zeit zu stressig und zu unmenschlich. Vor allem seit der Computer im Pflegebereich Einzug gehalten hat, wird die Beziehung zum Patienten immer gestörter. Das Berufsbild hat sich für Alex stark zum Negativen verändert.

»Du kannst nur noch rein, Spritze geben, raus und du hängst mehr vorm Computer beim Eingeben als beim Patienten. Dafür bin ich nicht Krankenpfleger geworden.«

Nachdem ihn ein Bandscheibenvorfall erwischt hatte, war erst einmal unklar, wie es weitergehen sollte. Fast als Schicksal mochte es erscheinen, dass eine Freundin aus der Berliner Wagenburg mit dem Bundesvorstand des BUND zusammengekommen war. Der BUND – eine Organisation, die sich für den Erhalt unseres wunderbaren Planeten und für eine facettenreiche Natur einsetzt – eröffnete ihm dann die Möglichkeit, für den Verein Mitglieder zu werben. Kurzum, es war ein sinnvoller Job, bei dem man auch noch etwas Geld verdienen konnte.

»Ich hatte noch nie eine Arbeit, hinter der ich so sehr stehen konnte, wie hinter dieser. Es war schon immer wichtig für mich, dass ich einen Sinn sehe, in dem, was ich mache.«

Doch woher kommt Alex’ Motivation, immer und immer wieder neue Menschen anzusprechen, um sie für seine Ideale zu begeistern? Was verleiht ihm seine Energie und seine Ausdauer? Um das herauszufinden, haben wir ihn für einen Tag besucht, ihm beim Ausmisten seines kleinen Stalls geholfen und ihm einige Fragen gestellt.

Norte: Wie läuft das Mitgliederwerben ab?

Alex: Wir sind immer eine Woche in einer Stadt und werden montags von der jeweiligen Kreisgruppe eingeladen. Es gibt 2.000 Orts- und Kreisgruppen in ganz Deutschland. Dann bekommen wir ein Frühstück und werden informiert, was in der Umgebung die Themen sind, die diskutiert werden, was der BUND dort für Projekte hat, und dann ziehen wir los. Entweder stehen wir am Stand oder klingeln an Haustüren.

Norte: Ist es anstrengend, die Leute von der guten Sache zu überzeugen?

Alex: Wichtig ist, wir versuchen uns abzugrenzen von diesem Drückerstyle. Wir arbeiten nicht über das schlechte Gewissen, möglichst nicht mit schrecklichen Bildern von Tieren, wir versuchen eher über die positive Schiene die Leute zu erreichen, über Erfolge die der BUND erreicht hat. Wichtig ist auch, die Leute gehen zu lassen, selbst wenn sie nicht mitmachen wollen. Trotzdem gehört ein gewisser Redestil dazu und die Technik, sinnlose Diskussionen zu vermeiden. Da gibt es natürlich auch ein paar Tricks, um die Leute bei der Stange zu halten, aber alles fair.

Norte: Wie mühselig ist die Überzeugungsarbeit, wie hoch die Erfolgschance?

Alex: Da gibt es sogar Statistiken; im Schnitt sprichst du zehn Leute an, bis du ein vernünftiges Gespräch hast und bei jedem zehnten vernünftigen Gespräch macht einer mit. Also jeder Hundertste macht mit, das ist schon krass. Es gibt Tage, da überzeugst du keinen, du rennst von früh bis spät herum, zehn Stunden lang, hast mit Hunderten von Leuten gesprochen und keiner hat mitgemacht.

Norte: Wie oft fährst du mit dem BUND weg?

Alex: Also, ich fahre normalerweise anderthalb Wochen pro Monat. Ich möchte das jetzt auf eine Woche pro Monat reduzieren. Meine Partnerin sagt, sie braucht mich eher hier, sie verdient gerade auch ganz gut Geld, und ihr bringt es eher etwas, wenn ich bei Kind, Haus und Hof helfe. Für sie ist es krass, wenn ich eine Woche weg bin. Sie steht morgens um sieben auf, macht das Kind fertig, dazu die Tierversorgung, danach vielleicht noch gießen, das Kind im Kindergarten abkippen, zur Arbeit fahren, abends das Kind von der Arbeit aus abholen, essen machen, Abendprogramm, Tiere versorgen, und dann fällt sie tot um, und nach einer Woche ist sie total fertig. Wenn ich dann nach Hause komme, drückt sie mir das Kind in die Hand, sagt, sie kann nicht mehr, und ich kann eigentlich auch nicht mehr, weil meine Woche auch anstrengend war und ich eine weite Reise hinter mir hab.

Norte: Ist es dein Ziel, von der Arbeit wegzukommen und dich über deinen Hof selbst zu versorgen?

Alex: Nicht total wegkommen, ich mach das gerne, aber auch nicht zu viel. Einmal im Monat wird eine ganz gute Dosis sein, glaube ich. Ich will ja auch noch was von der Welt mitkriegen. Hier ist man halt total abgeschnitten, das ist auch schön, man hat seine Ruhe, macht hier sein Zeug im Einklang mit der Natur, aber irgendwo will man ja auch noch was vom Puls der Zeit spüren: Musik, interessante Strömungen, Ideen, Menschen, mit denen du redest auf der Straße oder mit Kollegen. Du kriegst alles mit, wenn du den ganzen Tag auf der Straße stehst und mit tausenden Menschen redest, jede Verschwörungstheorie, jede neue Idee vom gesunden Leben, alles. Da kommen nicht selten lustige Leute vorbei: »Morgen geht die Welt unter, ich weiß es ganz genau!« oder: »Ich bin vom Zentrum für galaktisches Bewusstsein.«

Norte: Was ist für dich das Besondere am Gedanken der Selbstversorgung?

Alex: Eine Freundin hat das mal ganz schön ausgedrückt, dass es etwas Spirituelles hat, an den Kreisläufen der Natur teilzunehmen. Die Schafe haben wir mit Heu gefüttert, jetzt kacken sie, in einem halben Jahr ist das Kompost, dann wächst da dein Gemüse drauf. Die Kreisläufe bleiben erhalten. Es ist eine schöne Sache, zu sehen, wie das passiert. Gestern hab ich Obstbäume geschnitten, die Äste den Schafen rüber geworfen, die essen das bis zu einer Dicke von meinem Finger, und wenn der Kleine mal seinen Teller nicht leer isst, dann kriegen das die Hühner. Es bleibt nichts ungenutzt, alles bleibt immer in Bewegung.

Norte: Für viele ist das dann ja auch eine Zeitfrage, sich teilweise selbst zu versorgen. Wie geht es dir damit?

Alex: Ich bin auch der Meinung, dass wir in einer versteckten Inflation leben. Der Einkaufskorb ist zwar voll, aber das, was man im Einkaufswagen hat, ist gesundheitlich immer weniger wert, die Sachen sind immer aufgeblähter. Zum Beispiel ein Huhn, das 35 Tage lebt, kriegt sieben Antibiotika, mittlerweile nur noch vier oder fünf, dafür Langzeitantibiotika. Das muss man sich mal überlegen, da muss man ja krank werden, wenn man davon isst. Es werden tonnenweise Medikamente verfüttert in diesen Mastanlagen, und die Tiere leben dort in so schlechten Bedingungen, dass die das auch brauchen, um nicht gleich tot umzukippen. Das kann keine guten Lebensmittel mehr vorbringen. Rohes Hühnchenfleisch sollte man nicht mehr mit bloßen Händen anfassen, weil da so viele antibiotikaresistente Keime dran sind, da sollte man sich Handschuhe anziehen. Es sind 120 neue Mastanlagen geplant, gegen 20 kann der BUND kämpfen, weil da Ansatzpunkte sind. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, dort wird zu siebzig Prozent Genfutter verwendet, Soja aus Ländern der Dritten Welt. Das wird angeschifft und hier in die Mastanlagen gegeben, wo alles vollautomatisch verfüttert wird, denn in einer Mastanlage entstehen nur zwei bis drei Arbeitsplätze. Das ganze Futter wird dann ja wieder ausgeschissen und das wird auf die Felder ausgetragen, und es entsteht ein Nährstoffüberschuss. Das sind alles Nitrate, die das Grundwasser kaputt machen. Es gibt kein gesundes Verhältnis zwischen Tier und Land, das ist ja auch das, was ich hier bei mir versuche, ein gesundes Verhältnis wiederherzustellen.

»Ich gebe ja auch zu, ich hatte letztens Geburtstag und war dann beim Italiener, der super lecker kocht und dann gab’s da auch in einer Trüffelsoße ein paar Stücken Rindfleisch. Dann hab ich gesagt, komm, ich hab jetzt Geburtstag und ess das halt auch mal, egal. Solche Momente gibt es, aber die sind schon selten und eigentlich habe ich dem abgesagt.«

»Das Gegenteil von Arbeit ist ja Bequemlichkeit, und ich glaube, ein Politiker hat gesagt: Bequemlichkeit ist der größte Feind der Freiheit. Das ist auch das, womit uns die Konzerne kriegen. Die zwingen uns ja eigentlich nichts auf, sondern wir übergeben ihnen freiwillig unsere Möglichkeiten, indem sie uns bequeme Lösungen bieten und dadurch werden wir immer unselbstständiger. Über die Bequemlichkeit kriegen sie uns, und da lohnt es sich, auch mal was zu tun, damit man seine Freiheit behält, seine Verbindung zur Natur und zu sich selbst.«